Texte & Publikationen (Auswahl)
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Der Vergleich und die Angst vor dem Sich-Selbst-Sein
„Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“. Søren Kierkegaard
Ich weiss nicht, ob es Euch auch oft so geht. Da begegnet mir ein Text – eine Aussage, welche/r sich dann mal für eine Weile in meinem konstruktiven Denken festsetzt wie ein Hausbesetzer. Ich kann dann wunderbar intensiv darüber nachdenken, Sätze auseinandernehmen, von hinten aufrollen, spiegeln und so weiter und so fort – einfach, weil sie etwas in mir berühren.
So ging es mir, als ich zum ersten Mal den Song „Wenn Du die Augen schliesst“ (Sophia) gehört habe.
… Ich bin noch nicht die, die ich sein will. Bin ich ehrlich, weiß ich nicht mal, wohin.
Sag mir, wie soll ich dann sein, wer ich sein soll, wenn ich nicht sein darf, so wie ich bin?...
…Sag mir, mache ich mir was vor? Habe ich mich schon in all dem verlor'n?
Ey, immer wenn es leise wird, dann frag ich mich:
Was stellst du dir vor, wenn du die Augen schließt?
Wer würdest du sein, wenn dich sonst keiner sieht?
Und was würdest du tun, wenn alles möglich ist?
Wärst du dann so, wie du wirklich bist?
Was würdest du sagen, wenn dich keiner hört?
Wo würdest du sein, wenn keine Grenzen wär'n?
Was würdest du tun, wenn alles möglich ist?
Sei doch einfach so, wie du wirklich bist.
Ich bin noch nicht die, die ich sein will, und irgendwie pass ich hier nicht hin.
Hab das Gefühl, ich bin so oft jemand anders, nur weil ich Angst hab, so zu sein, wie ich bin…
Dasselbe gilt für den Song „Gut genug“ (ebenfalls von Sophia).
… Ey, bild dir nicht ein, du müsstest anders sein
Denn wenn man sich mit anderen vergleicht,
fällt es keinem leicht, einfach man selbst zu sein…
Beide Songs triggern etwas in mir, da sie etwas ansprechen, dass mir sehr vertraut ist und mich schon seit jeher begleitet - die Angst, wirklich ich selbst zu sein.
Aber warum eigentlich?
Angst davor, einfach nur sich selbst zu sein, entwickelt sich oft dann, wenn man früh gelernt hat, dass Echtheit (Authentizität) mit Risiken verbunden und oft nicht sicher war.
Vor allem bei Frauen mit ADHS steckt dahinter oft eine lange Geschichte aus Anpassung, Missverständnissen und/oder subtiler Ablehnung.
Oft haben sie erfahren:
- „So wie ich bin, bin ich zu viel“
- „Wenn ich ehrlich bin und mich offen zeige, verliere ich Nähe und werde nicht geliebt.“
- „Damit andere mich lieben, darf ich die Kontrolle nicht verlieren.“
- „Meine Emotionen sind falsch und völlig übertrieben.“
- „Andere kommen leichter klar, als ich, also muss ich sein, wie sie.“
Auch ich kenne diese Angst, aufgrund meiner von frühester Kindheit an „gefühlten und erlebten Andersartigkeit“ abgelehnt zu werden.
Und diese Angst war und ist teilweise immer noch absolut berechtigt.
Wie oft wurde ich dafür kritisiert, zurechtgewiesen, ausgelacht und sogar bestraft?
Und wie oft wurde ich gefragt, warum ich nicht einfach so sein könnte wie andere Mädchen, mich so angepasst verhalten könnte wie mein Bruder? Unzählige Male…
Wenn ein Kind dies immer wieder hört, entwickelt es eine Strategie:
Lieber beobachten, analysieren und anpassen, anstatt sich ungefiltert zu zeigen.
Das ist keine bewusste Entscheidung, wird aber mit der Zeit zum tief verankerten Schutzmechanismus.
Annahme ist ein menschliches Grundbedürfnis – wir alle brauchen sie.
Menschen, die aus irgendwelchen Gründen anders sind als die meisten, brauchen sie noch viel, viel mehr.
Ihre Andersartigkeit wird immer bleiben (Wer mit ADHS geboren wird, stirbt mit ADHS.) – die Reaktion darauf bzw. die Resonanz in der Gesellschaft kann jedoch förderlich oder eben nicht förderlich sein
Da mein Umfeld mit meiner Andersartigkeit überfordert zu sein schien, fing ich schon früh (z.B. in der Schule) damit an, mich zu vergleichen. Ich orientierte mich dabei nicht zwangsläufig an schönen und scheinbar erfolgreichen Mädchen in meiner Klasse, sondern am Durchschnitt – am „Normalen“.
Sogar meinen Namen empfand ich als zu herausstechend – Peggy! Ich wollte lieber Susanne oder Alexandra heissen... Und ich schwor mir, meinen Namen zu ändern, sobald ich 18 sein würde (hab’s nicht durchgezogen aus Angst vor noch mehr Ablehnung).
Ein weiteres Beispiel - obwohl ich mich absolut nicht für Puppen und die „Mutter-Kind-Spiele“ meiner Altersgenossinnen interessierte, machte ich irgendwann auch dort mit, nur um dazuzugehören.
Eigentlich fühlte ich mich viel wohler unter Jungen – Höhlen erkunden, auf Bäume klettern, Fussball spielen und sich hin und wieder über den Schulhof prügeln war schon eher meine Welt, obwohl ich auch dort nicht ich sein konnte. Mein Wunsch nach Zugehörigkeit ging so weit, dass ich im Freibad eine Badehose meines Bruders trug und mir ein Stofftaschentuch meines Vaters (ja, die gab es damals noch) vorne reinstopfte, damit man nicht gleich merkte, dass ich ein Mädchen war. Anderen drohte ich gar mit Prügel, wenn sie mich verraten würden.
Heute würde man eine Genderverwirrung vermuten, was jedoch absolut nicht der Fall war. Ich wollte nur irgendwo dazugehören und gemocht werden.
Gut, das mit der Badehose war spätestens mit 12 vom Tisch – die Pubertät beendete meinen Ausflug in die Jungenwelt.
Aber die Anpasserei ging weiter.
Ich war eine sehr gute Schülerin – Lernen fiel mir grundsätzlich leicht. Als Teenager wurde ich damit jedoch als „Streberin“ bezeichnet und verhöhnt. Also machte ich im Alter von 13/14 einfach gar nichts mehr für die Schule und sabotierte sogar absichtlich Tests, mit der Folge, dass meine Noten rapide sanken.
Aber alles, was ich erntete, war der ständige Vergleich mit meinem Bruder von meiner Mutter, der nach wie vor ein „Einserschüler“ (Deutschland) war. Und auch auf der Beliebtheitsskala in der Schule verharrte ich nach wie vor im hinteren Drittel.
Also beendete ich dieses Experiment alsbald und kehrte zum „Strebertum“ zurück.
Rückblickend finde ich es einerseits traurig, andererseits aber auch faszinierend, wozu ich bereit war und wie weit ich gegangen bin – nur um möglichst normal zu sein. Und ich weiss, dass viele Mädchen und Frauen mit ADHS auch heute noch Unwahrscheinliches leisten, um mit den Erwartungen der Gesellschaft an sie mitzuhalten.
Oft haben sie genauso wie ich erlebt, dass ihre starken Emotionen also dramatisch galten, dass ihre Vergesslichkeit und ihr Chaos moralisch bewertet wurden und sich nach und nach die Überzeugung breitmachte, ständig „falsch“ zu sein.
Ich versuchte deshalb schon früh
- nach aussen ruhiger zu wirken, als ich war (Königsdisziplin mit ADHS!)
- meine Bedürfnisse zu verstecken
- möglichst sozial angepasst zu „performen“.
- meine Wirkung zu analysieren und zu überdenken
Hinter diesem Verhalten steckt bei Betroffenen häufig nicht nur die Angst vor Ablehnung, sondern auch:
- Angst vor Kontrollverlust,
- Angst, „zu intensiv“ zu sein,
- Angst, abhängig oder verletzlich zu wirken,
- Angst, dass niemand bleibt, wenn man echt ist.
Sie sehnen sich innerlich nach echter Nähe, sind aber erschrocken, sobald sie wirklich gesehen werden und gemocht werden.
Das Gedankenkarussell dient dann oft dazu, eine Risikoabwägung durchzuführen:
„Was denken sie?“
„War ich komisch?“
„Sollte ich das lieber zurücknehmen?“
„Bin ich peinlich?“ usw.
Und das Ergebnis dieses inneren Dialogs ist fast immer negativ...
Der Kopf versucht verzweifelt Sicherheit herzustellen, bevor das Herz sichtbar sein kann. Und verhindert damit genau das, was man eigentlich möchte.
Dieses Verhalten wird als „Maskieren“ bezeichnet. Betroffene spielen in ihrem Leben eine Rolle, welche sie beständig an die jeweils geltenden Erwartungen anpassen, und verlieren dabei letztlich oft sich selbst.
Weil, genau das ist das Problem:
Je länger man maskiert, desto fremder fühlt sich das echte Selbst irgendwann an. Dann hat man paradoxerweise irgendwann Angst vor genau der Person, die man eigentlich ist.
Aber wie kommt man nun raus aus der Nummer?
Betroffenen zu sagen, sie sollten doch „einfach selbstbewusst sein“ – das ist nicht wirklich hilfreich. Weil, wenn das so einfach wäre, wären sie das schon längst.
Es ist kein leichter und schon gar kein kurzer Weg, auf welchem man das Maskieren hinter sich lassen kann.
Das weiss ich aus eigener Erfahrung – bin ja selbst noch unterwegs.
Wichtige Schritte können u.a. sein
- langsam zu erleben, dass Echtheit nicht automatisch zu Verlust führt,
- sichere Beziehungen aufzubauen,
- den inneren Selbstangriff durch seine inneren Kritiker zu entlarven und sie quasi ins Rampenlicht zu stellen (das mögen die nämlich gar nicht)
- lernen, dass Bedürfnisse und Intensität nicht falsch sind
- kleine Momente ungefilterter Ehrlichkeit aushalten.
Eigentlich ist es ein Fitnesstraining für das eigene Ich, um zu lernen, sein eigenes authentisches Selbst auszuhalten.
Und um zu erkennen – die grosse Erschöpfung kommt in der Regel nicht vom „Anderssein“ an sich, sondern vom dauernden Verstecken davor.
Und bevor ich zum Schluss komme für heute - beim Schreiben dieses Textes habe ich realisiert, dass mein Maskieren, mein Rollenspiel eigentlich im krassen Gegensatz zu meinem Wertesystem steht. Der wichtigste Wert in meinem Leben ist Authentizität.
Und doch spiele ich in bestimmten Situationen noch immer eine Rolle meiner Selbst – what a mindfuck (sorry).
Ich muss ins Fitnesstraining...
ADHS und der Umgang mit starken Emotionen
In meiner Kindheit habe ich nie erfahren, was Emotionsregulation bedeutet und wie sie aussieht.
Ich erlebte Wutanfälle, Zusammenbrüche oder «the silent treatment» - Kommunikations-Stop.
Ich erlebte Vermeidung, welche als «Friedensbemühung» bezeichnet wurde.
Ich habe gelernt, dass Emotionen nicht etwas sind, was man verarbeiten kann, sondern etwas , dass man ignoriert, begräbt oder sich dafür entschuldigt.
Ich habe gelernt, in Situationen, in welchen mich die Emotionen zu verschlingen drohten
- Zu essen, um mich zu trösten und mich danach schuldig zu fühlen
- Humor zu nutzen, um meinen Schmerz runterzuspielen
- Trotz Erschöpfung weiterzumachen,
anstatt um Hilfe zu fragen
Ich habe erlebt, wie Kleinigkeiten zur absoluten Krise wurden, wie Stress sich in Geschrei und Ablehnung entlud.
Ich habe erlebt, wie Probleme unter den Teppich gewischt wurden, weil «man nicht darüber redete».
Ich gelernt, dass es wichtiger ist, was Menschen über mich dachten, als das, was ich fühlte.
Und dass Liebe Überfunktionieren, Sorge um Andere und deren Problemlösung bedeutet.
Aber vor allem, dass ich zur Last werden würde, sollte ich meine Bedürfnisse äussern.
Ich habe Jahre damit verbracht, mich als «zu viel» zu empfinden, zu emotional, zu sensibel, zu impulsiv und launisch.
Das Wörtchen «zu» war das Wort, welches ich am meisten hörte und sich mehr und mehr wie ein Messerstich anfühlte.
Bis zu meiner Diagnose vor 8 Jahren hat mir niemand gesagt, dass ADHS für meine Schwierigkeiten mit der Emotionsregulation verantwortlich und mein Nervensystem überfordert war.
Irgendwann habe ich entschieden, so nicht weitermachen zu wollen – den Kreislauf zu durchbrechen.
Ich wollte meine Emotionen wirklich verstehen und mich nicht einfach durch sie hindurch kämpfen.
Ich wollte ehrliche Beziehungen und keine, in denen man auf Eierschalen laufen muss.
Ich wollte mein Leben, welches nicht von den Erwartungen anderer an mich definiert wurde.
Aber den Kreislauf zu durchbrechen, das geschieht nicht über Nacht.
Emotionsregulation kann man nicht einfach wie durch Zauberhand erlernen.
Nein, sie entwickelt sich mit der Zeit, den richtigen Tools und Strategien und vor allem mit Unterstützung.
Wie fühlt es sich an, ADHS zu haben?
Ich werde noch heute oft gefragt, wie sich das Leben mit ADHS eigentlich anfühlt.
Deshalb habe ich mir immer wieder einmal Zeit genommen, darüber nachzudenken.
Was würde ich sagen, müsste ich es mit einem Gefühl oder einem Wort beschreiben? Was drückt aus, wie ich seit meiner Kindheit gefühlt habe?
Was mir zuerst in den Sinn kam, war: «Alleinsein». Nur, dass ich meistens gar nicht allein war. Dann vielleicht «traurig»? Das war ich zwar oft, aber nicht immer.
Wie fühlte ich mich aber sehr oft, egal ob ich allein oder unter Menschen, traurig oder fröhlich war? Welches Gefühl begleitete mich mehr oder weniger bewusst schon mein ganzes Leben lang?
« EINSAM »
So habe ich mich nämlich gefühlt, seit ich denken konnte – einsam, unverstanden, missverstanden, nicht bzw. nicht richtig gesehen, nicht angenommen oder geliebt – abgelehnt.
Aber warum?
Ich wurde mit einem Gehirn geboren, in welchem pausenlos an die hundert Radio- und Fernsehstationen gleichzeitig auf verschiedenen Frequenzen sendeten, jedoch konnte ich mich nie für eine entscheiden. Deshalb fühlte ich mich schnell verloren und unverstanden.
Dasselbe galt für Situationen, in denen ich in einem Klassenzimmer sass, in welchem alle scheinbar gut zuhören konnten (es sei denn, sie wollten nicht). Aber ich konnte das nicht einfach so, weil alle Umgebungsgeräusche, ja sogar mein eigenes Denken, genauso laut waren, wie die Stimmen der Lehrer. Und wenn ich das versuchte, jemandem zu erklären, erntete ich meist Unverständnis und wurde zurechtgewiesen. Meine Strategie wurde dann, einfach «laut» mitzudenken, d.h. meine Gedanken, Schlussfolgerungen oder Fragen (aber auch Kritik an Lehrpersonen und ihren Ausführungen) teilweise ungefragt zu äussern. Dies wurde mir dann als mangelnde Disziplin und Respektlosigkeit ausgelegt. Eine Einschätzung, welche meine Eltern leider bestärkten und mich dafür bestraften. Ich konnte dies nicht verstehen und reagierte gerade zu Beginn meiner Schulzeit mit Wutanfällen, welche natürlich zu noch mehr Problemen führten und mich zunehmend isolierten, was sich sehr einsam anfühlte.
Infolge dessen verwendete ich mit zunehmendem Alter einen Grossteil meiner Energie darauf, mich so normal wie möglich zu verhalten. Pausenlos zeichnete ich jede Stimmung, jede Bewegung, jedes gesagte oder von anderen (vermutlich) gedachte Wort auf, nur damit ich bloss nichts Falsches sagte oder tat, wofür ich mich anschliessend abgrundtief schämte. Jeden Tag beobachtete ich, wie andere scheinbar mit Leichtigkeit und frei durchs Leben spazierten, während ich selbst alles (Vergangene und Zukünftige) immer und immer wieder durchdachte.
Ich wuchs mit der Überzeugung auf, dass ich anders als andere Menschen bin, aber ich wusste nicht, warum. Aber wenn ich auch noch so lang darüber nachdachte, fand ich keine abschliessende Erklärung dafür.
Äusserlich sah ich nicht anders aus als die anderen (auch wenn ich mich immer als hässlich empfand), aber nur ich schien mich innen drin in einem permanenten Zustand von Aufruhr und Rastlosigkeit zu befinden.
Und deshalb breitete sich in meinem Kopf langsam aber sicher die Gewissheit aus, dass ich ganz einfach «falsch» bin, auch wenn das niemand wirklich zu sehen schien und ich mir sogar selbst immer wieder vormachen wollte, ich sei ok.
Ich fühlte mich einsamer denn je.
Sehr oft schien ich in einem unsichtbaren Käfig gefangen zu sein, dem ich nicht entfliehen konnte. Um Hilfe fragen konnte ich nicht, weil ich gar nicht wusste, ob und wobei genau ich eigentlich Hilfe brauchte. Noch heute habe ich Schwierigkeiten damit, meine eigenen Gefühle und Bedürfnisse wahrzunehmen und/oder zu verstehen, werde jedoch ständig dazu aufgefordert, diese bitte anderen zu kommunizieren. Und wenn ich dann doch Bedürfnisse habe, halte ich diese in der Regel zurück, um anderen nicht zur Last zu fallen.
Ich weiss nicht, wie oft in meinem Leben ich automatisch «Ja» gesagt habe, selbst wenn mein ganzer Körper «Nein» schrieund ich komplett unfähig war, mich selbst wichtig zu nehmen und nicht alle anderen.
Und das Paradoxe war, dass ich im Gegenzug ständig gesagt bekam, mir gehe es immer nur um mich selbst.
Auch habe ich mir immer wieder für alles Mögliche die Schuld gegeben. «Sorry» wurde zum Automatismus, und der sitzt nach wie vor tief.
Währenddessen machte ich mich ständig dafür fertig, dass mein Hirn pausenlos «auf Autopilot» lief und dabei so unheimlich schnell war, dass kaum jemand mit mir bzw. meinem Hirn Schritt halten konnte. Und dann fand ich mich oft an der (ungewollten) Spitze wieder. Wurde ich dafür gelobt, kam ich mir wie der grösste Betrüger vor und wäre am liebsten irgendwo im Mittelfeld verschwunden. Warum? Ich war davon überzeugt, dies nicht verdient zu haben. Ausserdem war es an der Spitze – Ihr ahnt es bereits – einsam. Auch dieses Muster hat sich tief in mir eingegraben und zeigt sich mit schöner Regelmässigkeit bis heute.
Ich fühlte mich verlassen und einsam, weil ich immer wieder die gleichen Fehler zu machen schien, und begann, mich deswegen angsterfüllt selbst zu sabotieren und in meine innere Höhle zurückzuziehen. Dort kritisierte ich mich unbarmherzig selbst und wurde mein schlimmster Feind
Ich versank in meinem selbstzerstörerischen Feuerring, wohin mir keiner folgen konnte und schon gar nicht folgen wollte.
Im Innern des Rings lag meine Höhle, in welcher ich mich trotz allem sicher und geborgen fühlte. Im Teenageralter war es dann so weit, dass ich mir selbst und meiner Intuition fast gar nicht mehr traute und stattdessen jeden Schritt, jede Entscheidung x-fach hinterfragte.
Meine innere Einsamkeit rührte auch daher, dass ich wie ein Alien in einer menschlichen Hülle emotional orientierungslos durch diese fremde Welt stolperte, in welcher man eine komplett andere Sprache zu sprechen schien und ich die mir bei Geburt «ausgehändigte Bedienungsanleitung» nicht verstand.
Ich gab mir jede erdenkliche Mühe, bis mein Hirn fast zu verglühen drohte. Dies schien aber keinen zu interessieren. Ok, ich sagte es ja auch keinem…siehe oben (wzbw)*.
Ultimativ einsam macht mich jedoch bis heute, dass ich mich aufgrund meiner ADHS extrem schnell abgelehnt fühle. In meinen nun bald 54 Lebensjahren habe ich hochsensible Antennen dafür entwickelt und für jede erdenkliche Situation in allen Lebensbereichen unbewusst Hochrechnungen über die Wahrscheinlichkeit erstellt, abgelehnt zu werden.
Auch nur die kleinste Form von Ablehnung, nur angenommen oder tatsächlich existierend, führt bei mir dazu, dass riesige emotionale Wellen jede Zelle meines Körpers fluten und Schmerzen wie Messerstiche verursachen. ( Wird verursacht durch RSD – Rejection Sensitive Dysphoria / Ablehnungsempfindlichkeit; thematisiere ich in einem späteren Post )
In solchen Momenten bin ich teilweise so verletzt und erschöpft, dass ich davon überzeugt bin, dass ich das kein weiteres Mal überleben werde.
Seit meiner Kindheit habe ich mich fast zwanghaft mit allen anderen verglichen und mir dabei selbst unerreichbare Massstäbe gesetzt
Manchmal drohte mich mein Neid zu zerfressen, weil ich nur sah, was andere hatten und mir jedoch fehlte, bis ich gar nicht mehr sehen konnte, wie viel ich eigentlich hatte.
Ich verfüge über ein grösstenteils interessenbasiertes (ADHS-) Hirn, welches jeweils obsessiv und blind der einen Sache hinterherjagt, der mein Interesse gerade gilt, und ich schaffe es einfach nicht, dem zu widerstehen.
Werden mir dann über genau diese Sache Fragen gestellt, neige ich auch heute noch dazu, voller Begeisterung alles bis ins Detail zu erzählen, was ich weiss (schliesslich hat man mich ja gefragt). Ich bin in diesen Momenten teilweise so aufgeregt darüber, mein Wissen mit jemandem teilen zu können, dass ich oft gar nicht realisiere, dass die betreffende Person mir gar nicht mehr zuhört.
Dann fühle ich stets «viel zu viel» und bleibe beschämt zurück, da ich einfach nicht gemerkt habe, dass ich mein Gegenüber überfordert habe. Das ist furchtbar einsam.
Und schlussendlich ist es auch erschöpfend einsam, immer wieder die gleichen unheimlich hohen «Hochs» und abgrundtiefen «Tiefs» durchleben zu müssen, so dass ich mich irgendwann gefragt habe, was ich nun eigentlich mit dieser heutzutage genannten «Superpower» anfangen soll, die mich immer wieder so einsam fühlen lässt.
Wie kann ich es schaffen, diese ADHS als einen Teil von mir zu lieben, wenn das Leben mit ihr oft derartig schmerzt?
Nach meiner ADHS-Diagnose 2016 habe ich «natürlich ADHS-like» alles verschlungen, was ich zum Thema ADHS bei Frauen fand. Zu realisieren, dass es Millionen anderer Frauen auf dieser Welt gibt, die ähnlichen Erfahrungen gemacht haben und auch ähnlich empfanden wie ich, hat meine Höhle zum ersten Mal massiv erschüttert und zum Bröckeln gebracht.
Einige der im Text beschriebenen Empfindungen begleiten mich trotz viel Therapiearbeit bis heute und schränken mich teilweise auchein.
Jedoch habe ich gerade im letzten Jahr erfahren, dass ich viele davon hinter mir lassen konnte. Die Unterstützung, welche ich dabei erfahren habe, gebe ich u.a. als zertifizierter ADHS-Coach an meine Coachees aber auch andere Betroffene weiter.
(Veröffentlicht auf Substack, 11.01.2026)